Die Seele – oder der Mannschaftsgeist.

Wie soll man die Seele verstehen?

Wann und wie kommt sie wohl zu uns? Was passiert nach dem Tod mit ihr? Haben wir überhaupt eine?
Fragt B.E. im Tagesanzeiger

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Zäumen wir die Fragen nach der Seele antwortmässig mal von hinten auf: Klar doch haben wir eine. Aber nach dem Tod passiert überhaupt nichts mit ihr, weil Tot nämlich ebenso wenig eine Seele haben wie einen Herzschlag. (Vgl. dazu Wolfgang Herrndorfs Blog «Arbeit und Struktur», Eintrag vom 21.4.13: «Von einer Freundin gehört, dass ihr in der Ausbildung im Hospiz beigebracht wurde, das Fenster im Zimmer der Gestorbenen zu öffnen, damit die Seele raus kann. Das hat mir gerade noch gefehlt, zu verrecken in einem Haus, das von offensichtlich Irren geleitet wird.»)

Die Frage, was nach dem Tod eines Menschen mit dessen Seele geschieht, ist damit genauso sinnvoll wie die Frage, wohin der Herzschlag des Menschen nach dem Tod entschwindet bzw. seine Fantasie, seine Libido oder sein Alkoholismus… (Sapienti sat, wie der Lateiner sagt, was so viel bedeutet wie: Der Verständige hat es satt, mit weiteren Beispielen genervt zu werden.

Nun aber zu Ihrer ersten, zweiteiligen Frage, die etwas more tricky bzw. trickier ist (wie der Angelsachse sagen würde) als die letzten beiden. Also: Die Seele ist kein Anhängsel eines Körpers, das sich ab irgendwann auf rätselhafte Weise zu den sich entwickelnden Zellen gestellt, sondern eine Funktion dieser Zellen in ihrer Gesamtheit.

Eine Funktion, deren Entwicklung irgendwann während der neun Monate unserer pränatalen Entwicklung einsetzt und deren nachgeburtliche Weiterentwicklung durch die Zäsur der Geburt eingeleitet wird. Es ist eine Funktion, die zwar ohne Körper denkbar ist, sich jedoch soweit verkompliziert und dadurch verselbstständigt, dass wir eine eigene Sprache für sie brauchen – ein psychologisches statt eines physiologischen «Sprachspiel» (Wittgenstein).

Drei in- und miteinander verwickelte Besonderheiten des Seelensprachspiels sorgen dafür, dass uns die Seele wie ein besonders seltsames Wesen erscheint: Erstens die Unklarheit des Begriffs (welche die Seele allerdings mit anderen unverzichtbaren Begriffen wie «Leben» oder «Gerechtigkeit» teilt). Zweitens die Tatsache, dass Seelisches in der subjektiven Innenperspektive sich grundsätzlich anders darstellt, als in der Aussenperspektive eines Betrachters (meine Scham ist für mich das Gefühl, im Boden versinken zu wollen; meine Scham für den anderen sind z.B. mein Erröten und mein Stottern). Und drittens die Tatsache, dass die Seele so wenig ein Ding ist wie der Mannschaftsgeist ein besonders feinstofflich geratener Mitspieler.

Darum kommt die Seele ebenso wenig zu «uns» wie der Mannschaftsgeist zur Mannschaft. Oder der Sinn der Buchstaben. Die Handlung in ein Buch, der Schmerz in den Zahn… Sapienti sat.

Dank für diesen wundervollen Text an
Peter Schneider im Tagesanzeiger

 

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